Schlagwort Guttenberg

Guttenberg, Koch-Mehrin, Chatzimarkakis, Schavan ohne Dr.!

Vor über einem Jahr gab es die Affäre Guttenberg. Dann war kurz Ruhe und es folgten die oben genannten sowie die Tochter von Edmund Stoiber, sowie andere, weniger prominente Beispiele…

Ich habe damals die Art und Weise, wie mit Guttenberg in den Medien umgegangen wurde, kritisiert, ein teilweise ironisches, teilweise mitleidendes fiktives Schreiben an ihn verfasst und darin zum Ausdruck gebracht, dass selbst mit dem größten Verbrecher ein fairer Umgang im Sinne eines „Fair Trial“ zu fordern ist.

Was aber am schlimmsten an der ganzen Sache war, dass das Ganze angezettelt worden ist, um Guttenberg zu Fall zu bringen. Die Hintergründe waren offensichtlich. Die Affäre provoziert.

Zu demaskieren war insofern die Tatsache, dass es eine provozierte Affäre war und die weitere Tatsache, dass der Umgang mit ihm in den Medien jedwedes menschliche (um es schöner auszudrücken: humane) Antlitz entbehrte.

Hier nun also der Artikel in Form eines Briefes an ihn, der dies aufzeigt.

„Lieber Karl-Theodor, ich bin mit 16 schwarzgefahren, meine Freund haben jedes Wochenende in Kneipen ihren Lebensunterhalt „steuerfrei“ verdient. Berufskollegen – oft an honoriger Stelle – haben in Klausuren von mir abgeschrieben, im Examen mit präparierten Kommentaren gearbeitet. Heute sitzen sie an exponierten Stellen.Von so manchem Unternehmer kenne ich die Praxis „ohne Rechnung zu arbeiten“. Was haben Sie sich vorzuwerfen? „Copy and Paste“ – an urheberrechtlich geschützten Inhalten anderer Werke ohne bei immerhin 1300 Fundstellen korrekt wissenschaftlich zitiert zu haben! Wie konnten Sie nur! Einen gewissen – wie wir jetzt wissen, hohen Anteil – haben Sie offensichtlich oberflächlich, fahrlässig, schlampig, leichtsinnig und leichtfertig bearbeitet oder überarbeitet – schade, dass jetzt Missgünstlinge wie Seehofer, Jung und Pofalla Grund zur Schadenfreude haben. Vielleicht war es mehr als nonchalante Lässigkeit, naives Gottvertrauen – das Vertrauen in Ihr Glück? Oder schlichte Zeitnot. Eine Statistik, wie hoch der Anteil an gefakten, getunten oder geschönten Doktorarbeiten im juristischen Bereich ist, existiert wohl nicht. Sollte eine umfassende Bewertung aller von Bundesministern und Bundestagsabgeordneten (aktuellen und ehemaligen) erstellter Promotionsarbeiten erfolgen, würden Sie womöglich  im Mittelfeld liegen. Macht das ihre – vielleicht – doch sehr leichtfertige Umgehensweise mit Fußnoten und Zitaten besser? Mitnichten. Aber – darum geht es doch gar nicht.Worum es wirklich geht: Sie sind zu nett, zu jung, zu klug, zu sympathisch, zu beliebt, zu charismatisch, zu fröhlich, zu gebildet, zu adelig, zu attraktiv, zu authentisch, zu aufrichtig, zu wenig blass, zu integer. Wussten Sie das nicht? Ihre Frau ist zu hübsch, Ihr Vermögen zu groß, Ihr Name zu alt und Ihre Beliebtheit deutlich zu groß. Und obendrein: Ihr Familienleben stimmt, Ihre Kinder sind gesund, Ihr Vater ist berühmt. Da hatten andere schon weit weniger, um dafür geköpft, entmachtet oder ins Exil geschickt zu werden. Es genügt weit weniger, um zu erreichen was Ihnen widerfahren ist: von neidischen und missgünstigen Menschen durch Bespitzelung zu Fall gebracht zu werden. Der Spruch „wer suchet, der findet“ ist wahr. Und bei Ihnen hat man nicht gesucht, sondern akribisch recherchiert, durchforstet und gewühlt.

Tragen Sie es also mit Fassung, bleiben Sie Aufrecht stehen in dem Bewusstsein, dass auch Sie ein Mensch sind, Fehler haben (Fragen Sie Ihre Frau, die wird sie kennen) und – Fehler machen – und gäbe es nicht so viel neidische und bösartige Menschen auf dieser Erde, Ihnen diese Gerichtsverhandlungen in allen medialen Gestaltungen erspart geblieben wäre. Die StPO sieht im Gegensatz zu mancher Diskussionsrunde und mancher medialen Äußerung das Prinzip „Fair Trial“ vor, während medienrechtlich das Prinzip „Vorverurteilung“ und „Verurteilung“ – ganz im Sinne von „Teeren und Federn auf dem Marktplatz“ in allen Varianten gilt.

Sie sollten auch wissen, dass wir, die „Leser“, „User“ und „Fernseher“ das Spiel durchschauen und der Kritiker sich durch seine eigene Kritik selbst ins Aus stellt. Allen anderen Mitarbeitern des Bundestages und Bundesrates der Regierung, Verwaltung und sonstigen administrativen, exekutiven und judikativen Organen sei an dieser Stelle, gewünscht, dass Sie nicht ein einziges Mal in der Vergangenheit eine Briefmarke dem Bundes-, Landes- oder Gemeindeetat entwendet/entfremdet haben, um damit eine Postkarte mit Geburtstagsgrüßen an eine nicht ausschließlich beruflich bekannte Person gesandt zu haben.

Für die Zukunft bliebe nur der Rat: Werden Sie blasser, lassen Sie Ihren Verstand nicht blitzen, verhaspeln Sie sich gelegentlich, holen Sie Ihre alten Anzüge aus dem Schrank, entfernen Sie das vordere Drittel Ihres noch fülligen Haupthaares, gehen Sie nicht erhobenen Hauptes, am besten Sie lassen das linke oder rechte Bein ein wenig steif wirken und ziehen es nach, streuen Sie Gerüchte über finanzielle Fehlplanungen, besuchen Sie zwielichtige Etablissements und – Sie werden sehen, die Neider werden schnell von der Bildfläche verschwinden und um es mit einer Parole zu sagen:

„Das ist Deutschland!“

Was wünsche ich Ihnen wirklich: Dass Sie Ihren geraden Gang behalten, Ihren klaren Blick nicht verlieren, Ihre Courage und Ihre Chuzpe Ihnen bei der Bewältigung helfen und dass die Doktortitel Story nur eine Schlacht ist, an der Sie nun sehr genau Ihren Feind und seine intrigante Kriegsführung einschätzen lernen durften. Und noch was: um was es ging, wirklich ging, war nicht Ihre wissenschaftliche Arbeitsweise, sondern Ihre Demontage und schon deswegen mögen wir Sie jetzt mindestens genauso gern, weil wir das Spiel durchschaut haben, bevor es anfing.“

Daraus spricht Mitgefühl mit einem Menschen der Fehler gemacht hat und dem man unter falschen Vorspiegelungen und scheinheiliger Suche nach Wahrheit menschlich, beruflich und auf allen Ebenen demontiert hat, in einer Art und Weise, die der Todesstrafe entspricht. In einer Gesellschaft, die sich rechtsstaatlich und human nennt und die all zu leicht um Sensationslüsternheit zu befriedigen und Interesse an schonungsloser Aufklärung heuchelt die Verhältnismäßigkeit und den Blick für adäquate Reaktion vergisst.

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